Manchmal erlebe ich es, dass mir ein Befund geschmeidig von der Hand geht. Ich sehe mir die Bilder nach meiner Systematik und mit voller Konzentration durch, mit jeder weiteren Sequenz erweitert sich mein Gesamtbild des Falles zu einem stimmigen Ganzen, ich diktiere den Befund quasi nebenher, und am Ende muss ich kaum mehr etwas korrigieren. Ich erlebe Flow; und wichtiger: ich erlebe die Befundung des Falles als eine zusammenhängende, vollständige Einheit, vom Lesen der klinischen Angaben, über Aufhängung, Befundung und Diktieren bis hin zur Freigabe.
Viel öfter passiert – gerade im klinischen Setting – das Gegenteil: Fragmentierung durch wiederholte Unterbrechungen. Wenn plötzlich der/die MTRA neben einem steht und eine Frage zu einer Sequenz hat, wenn der Chat plötzlich aufpoppt, wenn der Kliniker anruft und einen Fall von gestern besprechen möchte, wenn sich jemand im Gruppenbüro plötzlich lautstark über etwas aufregt und Bestätigung haben möchte. All dies zerstört die Einheit meines Befundungsprozesses. Ich muss meine Aufmerksamkeit akut vom Fall abziehen, mich der anderen Sache widmen – und wenn ich wieder zum Fall zurückkehre, weiss ich manchmal nicht mehr, wo genau ich zuvor aufgehört habe und ob ich Sequenz X vollständig durchgesehen habe. Zum bekannten Sägezahneffekt, d. h. nach jeder Unterbrechung dauert es, bis man wieder in der Sache konzentriert „drin“ ist, kommt also noch diese Unklarheit dazu, sodass ich manche Sequenzen nochmals von vorne anschaue und sich Teile meiner Arbeit somit verdoppeln. Der gesamte Fall wird so zu einer zähen Sache.
Radiologische Befundung erfordert maximale Konzentration, ähnlich wie der Landeanflug eines Piloten. Daher sollte es auch unter entsprechenden Bedingungen stattfinden; das bedeutet vor allem: abgeschirmt von Störungen.
Viele Störungen liessen sich dadurch abfangen, dass sie bei einer einzigen Person zusammenliefen, die sich an diesem Tag genau hierum primär kümmert: Anfragen von MTRAs, Disposition, Sekretariat, Klinikern. Um dies zu etablieren, bräuchte es jedoch relativ tiefgreifender Veränderungen in der Aufbau- und Ablauforganisation. Ad hoc bleibt einem da nur, die Befundung in die Abschnitte des Tages zu legen, in denen es ruhiger ist und weniger Störungen zu erwarten sind.
Ausserdem kann man selbst die Voraussetzungen schaffen, dass die eigene Befundung reibungslos abläuft: indem man die Befundung wie sein eigener persönlicher Assistent vorbereitet, etwa eine sinnvolle Aufhängung der Sequenzen macht oder wichtige klinische Dokumente ausdruckt und bereitlegt. Dies sind Vorarbeiten, die keine intensive Konzentration benötigen – und auch dann gut unter Ablenkung durchgeführt werden können.
In den trubeligen Abschnitten des Tages fange ich daher gar nicht erst mit dem Befunden an, sondern erledige die wenig konzentrationsintensiven Vorarbeiten. Einen Fall befunde ich erst dann, wenn die Wahrscheinlichkeit ausreichend hoch ist, dass ich mindestens 15 Minuten am Stück ungestört bin und den Fall als kohärente Einheit bearbeiten kann.

Dr. Michael Marquardt
ist Facharzt für Radiologie FMH mit Schwerpunkt Diagnostische Neuroradiologie. Er erstellt neuroradiologische Zweitmeinungen und Gutachten und befundet selbständig für Praxen und Spitäler. → Angebote